
2. Wie der Ehrwürdige Mahasiva eines besseren belehrt wurde
Einst, so erzählt man sich, lebte der Mönchsältere Mahasiva aus Berghaupten in der Stadt Mahagama, in Tissas Abtei.
Dort trug er achtzehn Gruppen von jungen Mönchen den Dreikorb vor – die überlieferten Reden des Buddha – in vollem Wortlaut und dem exakten Sinne nach.
Des Mönchsälteren Unterweisung nachfolgend, erreichten sechzigtausend Bettelmönche die Heiligkeit. Da gedachte einer jener Mönche bei sich: „Ach, welch ein Segen! Ob dieses Glück der Erlösung wohl auch unserem Lehrer zuteil wird?“
Und als er seines Lehrers Herz ergründet hatte, erkannte er, daß sein Lehrer selbst noch ein Weltling und damit dem Kreislauf der Wiedergeburten unterworfen war.
„Durch ein kluges Geschenk werde ich meinen Lehrer in Ergriffenheit versetzen“, dachte er, verließ seinen Aufenthaltsort, begab sich zu Mahasiva und verehrte ihn.
Als er seinen Schülerpflichten nachgekommen war, setzte er sich nieder. Da wandte sich der Ordensältere Mahasiva an seinen Schüler und sprach: „Warum bist du gekommen, Bruder Almosengänger?“ – „’Wenn mir der Ehrwürdige die Gelegenheit gibt, will ich einen Spruch der Lehre bei ihm erlernen’ mit diesem Gedanken bin ich gekommen, Ehrwürdiger.“ – „Viele Mönche lernen zur Zeit, Bruder, bei mir, es wird sich für dich keine Gelegenheit finden.“
Und als er nach einer ganzen Nacht und einem ganzen Tage immer noch keine Gelegenheit erhalten hatte, fragte er Mahasiva: „Wenn ihr so wenig Zeit findet, wie wollt ihr da dem Tode eine Gelegenheit geben?“ Da dachte der Mönchsältere: „Dieser Mönch ist nicht gekommen, um von mir zu lernen. Um mich aufzurütteln, darum ist er gekommen.“ Da sprach sein Schüler zu ihm: „Wie all die anderen Mönche, wie ich, so habt auch ihr euer Herz zu entfalten, Ehrwürdiger Lehrer.“ Nachdem er diese Worte an seinen Lehrer gerichtet und ihn ein letztes Mal verehrt hatte, entschwand er vor den Augen seines Meisters durch geistige Macht und stieg in den juwelenfarbenen Himmel hinauf.
Nachdem ihn sein einstiger Schüler auf diese Weise in Ergriffenheit versetzt und wieder verlassen hatte, hielt er nur noch die Lehrstunden am Nachmittage und Abend ab. Dann stellte er Schale und Robe bereit und, nachdem er nur des Morgens noch eine letzte Unterweisung gegeben hatte, nahm er alle dreizehn Läuterungsübungen der asketischen Lebensführung mit festem Entschlusse auf sich und machte sich auf den Weg ins Kloster zu Berghaupten.
Dort ließ er mit dem Entschlusse Stuhl und Bett fortschaffen:
„Bis zur Erreichung der Heiligkeit will ich mich nicht auf einem Bette oder Stuhle ausruhen.“
Dann begab er sich auf den Gehmeditationspfad im Gedanken:
„Noch heute werde ich die Heiligkeit erlangen, noch heute werde ich die Heiligkeit erlangen.“
Ohne allerdings die Heiligkeit – trotz aller Anstrengungen – zu erreichen, kam der Tag der großen Beichtfeier zum Vollmondtag am Ende der drei Monate Regenzeit. Als er erkannte, daß er immer noch nicht Pfad und Frucht Nirvanas verwirklicht hatte, dachte Mahasiva:
„O wie schwer ist es doch für mich, der sich so sehr bemüht, die Heiligkeit zu erlangen!"
Doch
ohne nachzulassen übte er einzig im Stehen und im Gehen meditierend dreißig
Jahre lang das Werk der Asketen. Als er eines Nachts die volle Mondscheibe zur
Zeit der großen Beichtfeier sah, dachte er: „Was ist wohl lauterer? Der helle
Mond oder meine Tugend?“ Und als er darüber reflektierte und feststellte,
dass vom Tage seiner höheren Weihe an er die Tugendregeln nicht im kleinsten
gebrochen hatte, da stieg in ihm Freude auf. Mit dieser Freude zur Grundlage
erschien in ihm das überweltliche Wissen und er erlangte, samt analytischem
Wissen, die Heiligkeit." ![]()
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