
9. Ein Lächeln wie die Morgensonne
Einst lebte der Ehrwürdige Mahamitta, so erzählt man sich, in der Pflügerhöhle. In jenem Dorfe in dem er alltäglich um Almosen ging, hatte ihn eine ältere Laienjüngerin zu „ihrem“ Sohne gemacht und wartete ihm auf.
Eines Tages nun ging sie mit ihrer Tochter im Walde spazieren und sprach zum Mädchen: „Weißt du, ich werde morgen unseren vorzüglichen Edelreis kochen, mit Milch, Melasse und Palmwürfelzucker und unserem Sohn, Bruder Mitta darbringen. Du sollst auch etwas davon essen.“ – „Was aber Mutter, wird dann für dich zu essen bleiben?“ – „Mir reicht schon, mein Liebes, das Dienstbotensüppchen am frühen Morgen und zu Mittag eine einfache Blattsuppe.“
Nun war aber gerade der Ordensältere Mitta, nachdem er sich die Robe angezogen hatte, mit seiner Schale in der Hand auf dem Weg ins Dorf auf Almosengang, als er im Walde zufällig der beiden Rede vernahm. Da ermahnte er sich: „Die große Laienjüngerin bescheidet sich mit Dienstbotensüppchen und Blattsuppe und für dein Wohl richtete sie Edelreis, Milch, Molasse und Palmwürfelzucker her – aber nicht, weil sie nach Feld, Grund, Speise oder Gewand begehrt, nein, um vielmehr die drei Stufen Nirvanas zu erlangen, darum spendet sie. Bist du aber, Mitta, in der Lage ihr dabei zu helfen oder nicht? Jemand dem man Almosen gibt, der aber noch Gier, Haß und Verblendung mit sich trägt, der kann ihr dabei wahrlich nicht helfen!“
Darauf nahm er die Schale aus dem Träger, löste das Robenbändchen und kehrte auf der Stelle zu seiner Höhle zurück. Dort schob er die Schale unters Bett, hing die Robe auf die Robenleiste und setzte sich nieder: „Ohne die Heiligkeit verwirklicht zu haben, werde ich diese Höhle nicht mehr verlassen.“ Nachdem er auf diese Weise seine Tatkraft gestählt hatte, hielt er in eiserner Anstrengung die Nacht hindurch als demütiger Bettelmönch aus, entfaltete Einsicht und erreichte am darauffolgenden Tage noch am Vormittage die höchste Frucht der Heiligkeit, das Nirvana.
Einem leichtgeöffneten Lotus gleich, ließ der große Heilige ein Lächeln über seine Lippen gleiten. Eine Gottheit, die am Höhleneingange lebte, rief bei dieser Gelegenheit:
„Verehrung dir, o edler Mensch,
Verehrung dir dem höchsten Mann:
Wo deine Triebe sind versiegt
Bist wert geworden, edler Sohn!“
Als sie solch entzückten Ausruf getan hatte, sprach die Gottheit zum Ehrwürdigen Mitta: „Ein Heiliger, wie du es bist, kann der Laienjüngerin aus ihrem Leiden helfen, wenn er ihr zum Spenden eine Gelegenheit gibt.“
Darauf öffnete der Mönchsältere vorsichtig das Tor des Höhleneingangs, um die Zeit zu prüfen. Als er erkannt hatte, daß es Morgen war, ergriff er Schale und Robe und machte sich auf den Weg zum Dorf.
An der Tür ihres Hauses hatte sich die Laienjüngerin bereits nach vollendeter Zubereitung der Almosenspende niedergesetzt und hielt sehnsüchtig zur Straße hin Ausschau, im Gedanken: „Jetzt kommt gleich mein Sohn, jetzt kommt gleich mein Sohn.“
Als
der Mönchsältere das Tor ihres Hauses erreicht hatte, nahm sie seine Schale ab
und füllte sie mit Milchreis, Palmzuckerwürfel, Erlesenem und gab sie ihm zurück.
„Mögest du glücklich sein“, sprach er und ging fort. Sie aber stand noch
lange am Tor und blickte ihm nach. „Heute hat der Mönchsältere aber eine überaus
strahlende Gesichtsfarbe gehabt und alle seine Sinne waren so glänzend“,
dachte sie. Dann ging die große Laienjüngerin zurück zu ihrer Tochter ins
Haus. Diese erkundigte sich bei ihrer Mutter: „Ist der edle Sohn denn
gekommen, Mutter?“ Darauf erzählte sie ihr von der besonderen Erscheinung des
Mönchs. „Heute hat mein Sohn sicher das Ziel seines Mönchslebens
verwirklicht“, erkannte sie überglücklich. Ihre Tochter fügte hinzu:
„Mutter, dein Sohn ist dem Satzung des Erwachten kein Dorn!". ![]()