
3. Jägermeister Tissas Begegnung mit der Hölle
Der Mönchsältere Tissa der Fremde, so erzählt man sich, der im Lande Rohana in einer Jägerfamilie geboren wurde, wuchs in der Nachbarschaft der Abtei Gamendavala auf. Nachdem er ein gewisses Alter erreicht und eine Familie gegründet hatte, wurde er Jäger.
Er grub unzählige Fallen, versteckte Schlingen und rammte spitze Pfähle ins Unterholz, stets im Gedanken, dass er seine Frau und seine Kinder ernähren müsse und hing dabei vielen furchtbaren Grausamkeiten an.
Eines Tages nahm er Feuer und etwas Salz und ging von zuhause fort in den Wald. Dort hatte sich ein wunderschönes Reh, in einer seiner Schlingen verfangen. Er tötete das Tier und sättigte sich an dessen Fleisch, dass er zuvor über der Glut kochte. Nach dem Mahl befiel ihn ein grausamer Durst und betrat die Abtei zu Gamendavala auf der Suche nach Wasser. Am Klosterbrunnen trank er zehn Kübel Wasser, und fing an zu schreien, weil er nicht genug Wasser vorgefunden hatte, und sein Durst ihn noch immer plagte: „Was sind das denn bloß für Bettelmönche, wenn sie einem Besucher, der seinen Durst löschen will, hier nicht einmal mehr genug Wasser bereitstellen können.“ Als der Mönchsältere Culapindapatika diesen Ruf vernommen und sich zum Brunnen begeben hatte, sah er die zehn leeren Wasserkübel und dachte: „Dieser Jäger ist schon bei Lebzeiten ein durstender schmachtender Dämon.“ Und Culapindapatika sprach: „Laienjünger, wenn du durstig bist, so trinke nur!“ Der Mönchsältere nahm einen Krug, stülpte ihn um, und goß dem anderen langsam in die Hände. Nun musste der Jäger das Wasser Schluck für Schluck trinken und sein Brand wurde beherrschter, bis er allmählich ganz versiegte.
Als er das ganze Gefäß ausgetrunken hatte, war sein Durst verschwunden. Da sagte der Mönchsältere zu ihm: „Wenn du seit deiner Jugend, Laienjünger, bereits soviel schlechtes Werk angehäuft hast, dass du ein lebender Dämon bist, dem nach Wasser dürstet, welche Folgen wird die Frucht deines Handelns dann erst in Zukunft zeitigen?“
Die Worte des Mönchs erfüllten den Jäger mit tiefster Ergriffenheit. Er verehrte den Ordensälteren, warf seine Waffen weit von sich, und, in aller Eile zum Haus gelangt, versorgte er Weib und Kind, zerbrach seine übrigen Mordwaffen, entließ Gazellen, Rehe und Vögel, die er gefangen hatte in den Wald und kehrte zum Mönch zurück, um Aufnahme in den Orden flehend.
„Schwer ist“, antwortete Culapindapatika, „die Weltentsagung, Bruder. Warum willst du der Welt entsagen?“ – „Ehrwürdiger, nachdem mir solch deutlicher Hinweis zuteil wurde, wie kann ich da nicht der Welt entsagen?“
Da wies ihn der Mönchsältere in die fünffache Kontemplation über die Unreinheiten der Haut ein und ordinierte ihn. Nachdem er sich mit den Mönchspflichten vertraut gemacht hatte, fing er an das Wort des Erwachten zu lernen. Da hörte er eines Tages in der Lehrrede von den Götterboten: „Daraufhin, o Bettelmönche, werfen ihn die Wächter der Hölle wieder zurück in die Erzhölle.“ Als er diese Stelle gehört hatte, sagte er zu seinem Lehrer gewandt: „Wenn sie ein Wesen, dass solch eine Leidensfülle erfahren musste, wieder hinab in die große Hölle werfen, o weh, Ehrwürdiger, wie furchtbar ist dann die Erzhölle.“ –
„Ja, Bruder, sie ist furchtbar.“ – „Ist es möglich, Ehrwürdiger, sie zu sehen?“ – „Nicht ist es möglich, sie zu sehen. Aber um dir etwas Vergleichbares zu zeigen, werde ich dir einen Hinweis geben.“ Er nahm den Novizen mit sich und hieß ihn auf mehreren Steinen einen Haufen nassen Holzes schichten. Dieser schichtete den Holzstapel auf. Dann erzeugte Culapindpatika von seinem Sitzplatze aus mittels geistiger Kraft einen Feuerblitz, der im Vergleich zur Erzhölle einem kleinen Funken glich und ließ ihn auf den Holzstapel des neben ihm stehenden Novizen hinabfahren. Der Stapel war im nächsten Augenblick bis auf ein Aschehäuflein abgebrannt.
Als er das gesehen hatte, fragte der Novize seinen Lehrer: „Ehrwürdiger, welche Pflichten gibt es in dieser Heilslehre des Buddha?“ – „Bruder, da ist zum Einen die Pflicht der Bücher und die Pflicht der Einsichtsmeditation zum Anderen.“ – „Ehrwürdiger, das Buch sollte die Bürde des Fähigen sein, mir jedoch erwuchs Vertrauen aufgrund von Leiden. Ich will die Pflicht der Einsicht erfüllen. Bitte gebt mir einen Übungsgegenstand“, sprach der Novize, verehrte seinen Lehrer und setzte sich nieder. Da dachte der Ordensältere: „Dieser Mönch ist in den täglichen Pflichten eines Mönchs wohl beflissen“, und er erklärte dem Novizen aufgrund seiner Pflichterfüllung den meditativen Übungsgegenstand.
Als dieser den Übungsgegenstand in Empfang genommen hatte, übte er sich im Werk der Einsicht und erfüllte seine täglichen Pflichten. Einen Tag ging er seiner Pflicht in der Abtei des Cittalaberges nach, einen anderen Tag in der Abtei von Gamendavala und wieder einen anderen in der Abtei von Gocaragama.
Wann immer sich Müdigkeit oder Trägheit einstellten, legte er etwas feuchtes Stroh auf seinen Kopf und stellte seine Füße in kaltes Wasser, bevor er sich wieder niedersetzte, aus Furcht, dass er seine Pflichten vernachlässigen könnte und einschlief.
Als er eines Tages im Großkloster des Cittalaberges bereits während zweier Nachtwachen seiner geistigen Übung nachgegangen war, und ihn zu frühester Morgenstunde der Schlaf zu übermannen drohte, setzte er sich erneut nieder, nachdem er sich mit etwas feuchtem Stroh den Kopf bedeckt hatte. Da lauschte er plötzlich der Arunavatiya Lehrrede, die ein Novize auf der Westseite des Berges laut rezitierend vortrug:
Kraftvoll kämpfet, sollt ihr streben,
Weihen euch Erwachter Lehre:
Werft zurück die Schar des Todes,
Wie ein Königsilf die Hütte;
Wer in dieser Lehr’ und Ordnung,
Unermüdlich strebsam bleibt:
Enden wird er alles Leiden,
Ledig vom Geburtenkreis.
Später, bei seinem Tode und Verlöschen blickte er darauf zurück und
soll diese Verse gesprochen haben:
Ein Häuflein feuchtes Stroh nahm ich,
Und fügt es wandelnd auf den Kopf;
Erreichte da den dritten Stand-
Bin jetzt von allem Zweifeln frei.
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