
Einst lebte im Kloster „Kreissiedelei“ ein Mönchsälterer namens Tissabhuti, um dort die Ordensregel auswendig zu lernen.
Eines Tages, als er auf seinem Almosengange das nahegelegene Dorf betreten hatte, erblickte er eine sinnliche Form und Gier stieg in ihm auf.
Kaum hatte Tissabhuti diesen Gedanken bemerkt, da blieb er stehen und goß, ohne einen weiteren Schritt zu wagen, seinen Reisbrei in die Schale des ihm aufwartenden jüngeren Mönches. „Wenn dieser eine Gedanke wachsen wird, wird er mich in den vier unteren höllischen Welten versinken lassen!“. Mit dieser Überlegung machte er kehrt, und ging zum Kloster zurück. Dort verehrte er seinen Lehrer, und teilte ihm seinen Entschluß mit: „In mir, Ehrwürdiger, hat sich eine Krankheit breitgemacht. Wenn ich in der Lage bin sie zu heilen, werde ich zu euch zurückkommen. Falls nicht, so werde ich nicht wiederkehren. Ihr braucht deshalb zur Mittags- und Abendunterweisung nicht nach mir Ausschau halten, doch die Morgenunterweisung behaltet bei.“
Mit diesen Worten verabschiedete Tissabhuti sich von seinem Lehrer und begab sich zum Mönchsälteren Mahasangharakkhita aus Malaya, einem erfahrenen Meditationsmeister.
Dieser Ältere war gerade damit beschäftigt den Boden seiner Laubhütte mit Lehm auszustreichen und richtete, ohne seinen Gast anzusehen, folgende Worte an Tissabhuti:
„Lege ab, Bruder, Robe und Schale.“
„Ehrwürdiger, eine Krankheit ist in mir aufgestiegen, nur wenn ihr sie heilen könnt, dann will ich Robe und Schale ablegen.“
„Bruder, du bist zu einem Arzt gelangt, der dir deine Krankheit heilen kann, lege ab!“
„Von vortrefflicher Rede ist dieser Bettelmönch, unser Lehrer! Wenn er nicht wüsste wovon er redet, dann hätte er nicht so gesprochen“.
Mit diesen Gedanken stellte Tissabhuti seine Robe und Schale beiseite, erfüllte dem Mönchsälteren gegenüber die gehörigen Pflichten eines jüngeren Mönches, verehrte ihn und setzte sich seitwärts nieder.
Der Mönchsältere Mahasangharakkhita betrachtete Tissabhuti eingehend und dachte sich: „Dieser Mönch hier scheint von begehrlicher Natur zu sein“. Also unterwies er ihn im meditativen Übungsgegenstand der Unreinheit. Nach der Unterweisung stand Tissabhuti auf, hing sich Schale und Robe wieder über die Schulter und bezeugte dem Mönchsälteren selbst stehend noch wiederholt Ehrerbietung.
„Warum läßt du mir, mein Bruder Großbhuti, eine solch überschwängliche Dankbarkeit zuteil werden?“, fragte der Meditationsmeister. „O Ehrwürdiger, wenn mir nur gelingt, was ich als meine Pflicht erkannt habe, so ist es gut. Doch wenn es mir nicht gelingen sollte, so wird dies unser letztes Zusammentreffen gewesen sein.“ – „Geh’ Bruder Großbhuti, für einen solcherart der Übung hingegebenen edlen Sohn wie dich ist es nicht schwer die geistigen Vertiefungen und die Einsicht als auch den Pfad und die Frucht Nirvanas zu erlangen.“
Als er des Mönchsälteren Rede vernommen und seiner Dankbarkeit erneut Ausdruck verliehen hatte, begab sich Tissabhuti zurück zum Kloster Scheibsiedelei. Unterwegs machte er unter einem mächtigen Gamari-Baume halt und setzte sich im Lotussitz zur Meditation nieder. Jetzt stärkte und entfaltete er das Übungsobjekt der Unreinheit indem er es wiederholt erwog, konzentrierte sich mit Einsicht in die Natur aller Dinge, erlangte die Heiligkeit und verwirklichte Nirvana.
Zur Morgenstunde kam er rechtzeitig zu seinem Lehrer zurück und erhielt
die nächste Unterweisung in den Ordensregeln.![]()
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"Kreissiedelei" - wrtl. für Pali "Mandalâramaka"
"von begehrlicher Natur" - die buddh. Meditationslehre unterscheidet verschiedene Charakterzüge, die aktive karmatische Kräfte wiederspiegeln und die Meditationsfortschritte beeinflussen können.
"Großbhuti" - Anredeform
"Pfad und Frucht Nirvanas" - Bezeichnung für meditat. Fortschritte auf dem Wege zur Verwirklichung der "Wahnversiegung", oder Nibbanas (wrtl. "Verwehen, Verlöschen"). Als Pfad gilt gemeinhin das Fortschreiten auf dem Weg zur Verwirklichung Nirvanas, die Frucht gilt als der meditat. Zustand eines Heiligen, in den er auf Wunsch eintauchen kann.
"Gamari" eine indische Baumart
"wiederholt erwog" - Konzentration auf einen einzigen Gedanken. Diesen immer wiederholend - unter Ausschluß aller anderen Sinneswahrnehmungen - zwecks Vertiefung der geistigen Sammlung
"Einsicht" - Weisheit, die beim Anblick des Entstehens und Vergehens aller Dinge erwächst.