Manorathapurani i. 2. 16

 

5.    Mahatissas Irrtum

 

Der Ordensältere Mahatissa, so erzählt man sich, erlangte noch in seinem ersten Jahr der höheren Mönchsweihe die acht Vertiefungen des Geistes. Da diese meditativen Sammlungszustände seine geistigen Befleckungen verbargen und die Unreinheiten des Herzens nicht mehr auftraten, glaubte er sich seinem Wissen und Lernen gemäß am Ende des heiligen Pfades angelangt und wusste über sechzig Jahre lang nicht, dass er noch immer ein Weltling war und Nirvana nicht verwirklicht hatte.

Da schickte die Mönchsgemeinde der Abtei Tissa bei Mahagama eines Tages nach dem Ordensälteren Dhammadinna, der in Talangara weilte und baten ihn um einen Lehrvortrag. Der Mönchsältere stimmte zu und dachte: „Hier in meiner Nähe gibt es keinen älteren Mönch. Ich werde mich zu Mahatissa begeben, meinen alten Meditationslehrer, und ihn zum Ordensältesten unserer Gemeinde machen.“ Darauf begab er sich mit der Schar seiner Bettelmönch zu des Mönchsältesten Kloster und sah wie Mahatissa am Tagesrastplatz seinen Pflichten nachging. Als er seinen alten Lehrer begrüßt und setzte sich zu seiner Seite niedergesetzt hatte, sprach der Mönchsältere Mahatissa: „Oh wie lange, Dhammadinna,  ist es her, dass du zu Besuch kamst.“ – „Ja, Ehrwürdiger, die Mönchsgemeinde der Tissa Abtei hat mich bestellt, aber alleine werde ich nicht gehen; ich bin gekommen, weil ich mit Euch zusammen gehen wollte“, und, nachdem sie weitere denkwürdige Worte ausgebreitet hatten, fragte Dhammadinna seinen alten Lehrer: „Wann ist dieses Eine von euch verwirklicht worden?“ – „Sechzig Regenzeiten, Dhammadinna, ist es bereits her.“ – „Stark seid ihr, Ehrwürdiger, in den Erreichungen?“ – „Ja, Bruder“ – „Könnt ihr mit magischer Macht einen Lotusteich erstehen lassen?“ – „Das, Bruder, kostet keine große Mühe“, sagte der Mönchsältere und ließ vor ihnen beiden einen Lotusteich erstehen. „Jetzt, Ehrwürdiger, lasst noch eine Lotusblüte entstehen, bat Dhammadinna.“ Gleich darauf erzeugte Mahatissa die Blüte. „Und nun, Ehrwürdiger, lasst ein junges Mädchen auf der Blüte erscheinen.“ Der Mönchsältere zauberte auch ein junges hübsches Mädchen auf die Blüte. Dann sprach Dhammadinna zu ihm: „Die Schönheit dieser holden Jungfrau, Ehrwürdiger, ruft euch nun wieder und wieder in den Sinn.“ Als der Ordensältere die Schönheit des von ihm gezeugten Mädchens sich immer und immer wieder in den Sinn rief, da stieg mit einem Male Lust in ihm auf. Da erkannte er seinen Stand als Weltling und dass er sich in trügerischer Weise im Besitze der Heiligkeit wähnte.

„Seid mir eine Stütze, edler Mensch“, flehte er zu Dhammadinna und kniete im Hocksitz neben seinem ehemaligen Schüler nieder. „Eben um euch zu helfen, Ehrwürdiger, bin ich gekommen“, antwortete Meister Dhammadinna und beruhigte den Mönchsälteren indem er ihm zur Kontemplation über die Unreinheit riet.

Dann  erklärte er ihm einen passenden Übungsgegenstand und bat um Erlaubnis sich zurückziehen zu dürfen. Kaum hatte er die Hütte verlassen, da erreichte der Mönchsältere Mahatissa noch an eben jenem Orte durch die seit langem wohl beruhigten geistigen Grundlagen die Heiligkeit samt den analytischen Wissen. Und nachdem ihn Dhammadinna zum Ältesten des Ordens gemacht hatte, brach Dhammadinna zum Großkloster Tissa auf, wo er der Mönchsgemeinde einen Vortrag hielt.